Erstmals veröffentlicht in: Sozialarbeit in Österreich (SIÖ) SN 2012, S. 43-44.
In der gegenwärtigen neoliberal inspirierten Transformationsphase ist ein veränderter Umgang mit sozialen Problemlagen wie Armut, Sucht oder psychischer Erkrankung zu verzeichnen und problematisiertes, abweichendes Verhalten wird stärker moralisierend, kulturalisierend, kriminalisierend und punitiv bearbeitet. (z. B. Garland 2008: 257-300; Wacquant 2009: 291-305) Vor diesem Hintergrund erfährt in vielen europäischen Großstädten das Feld der Sicherheits- und Ordnungspolitiken eine enorme Aufwertung: Bettel- und Alkoholverbote, Straßenprostitution, offene Drogenszenen oder Videoüberwachung bestimmen die öffentliche Debatte und die Diskussion um die „richtige“ Ordnung in öffentlichen Räumen avanciert vielerorts zum populären Wahlkampfthema. Fachlich werden Fragen lokaler Sicherheit meist in kriminalpolitischen Kontexten diskutiert, ordnungspolitische Ansprüche werden aber zunehmend an die Soziale Arbeit, vor allem im Feld von Straßensozialarbeit und Gemeinwesenarbeit, herangetragen. (Diebäcker 2010; Diebäcker 2012). Im Folgenden skizziere ich daher einige Zusammenhänge zwischen kriminalpolitischen Polizeistrategien und sozialarbeiterischen Zugängen.
Ein wesentlicher Referenzpunkt für den sicherheits- und ordnungspolitischen Diskurs stellt die Broken-Windows-These von Kelling und Wilson aus dem Jahr 1982 sowie die daran anknüpfende Debatte über eine Zero-Tolerance-Politik New Yorks seit den 1990er Jahren dar, die sich im letzten Jahrzehnt auch in Europa schnell verbreitete. Beispielsweise wurde angesichts der britischen Unruhen im Herbst 2011 der US-amerikanische Polizeikommandant William Bratton, mitverantwortlich für das New Yorker Modell (Bratton 1998), von der britischen Regierung eingeladen, Strategien gegen Bandenkriminalität zu entwickeln.
Die Broken-Windows-These stellt ein Argumentationsmuster bereit, das sich in zahlreichen Programmen europäischer Großstädte niedergeschlagen hat, um ganz bestimmte und neue Ordnungen in öffentlichen Räumen herzustellen. Bezug nehmend auf sogenannte „high crime areas“ diagnostizieren Kelling und Wilson eine Abwärtsspirale von „gefährdeten Nachbarschaften“, wenn bereits Anzeichen von Verwahrlosung im Raum sichtbar werden. Das können Indizien an den Gebäuden oder im Öffentlichen Raum sein (wie zerbrochene Fensterscheiben, Graffitis oder Müll) oder die Anwesenheit von „verrufenen“ oder „unberechenbaren“ Menschen – genannt werden „Bettler, Betrunkene, Drogenabhängige, jugendlichen Rowdys, Prostituierte, Faullenzer und psychisch Erkrankte“ (Kelling/Wilson 1982: 2). Die Sichtbarkeit dieser unerwünschten Fremden führe zur Störung der öffentlichen Ordnung: Etablierte BewohnerInnen würden verunsichert und zögen sich in private Räume zurück, die soziale Kontrolle der Nachbarschaft bzw. Gemeinschaft werde geschwächt, wodurch kriminelle Personen angezogen und Kriminalität im Gebiet etabliert werde. Daher seien sichtbare Verwahrlosung und unerwünschte Gruppen (und ihr deviantes Verhalten) in einem Gebiet unmittelbar zu unterbinden, um den sozialen Zusammenhalt von lokalen Gemeinschaften zu sichern.
Die hier skizzierte Abwärtsspirale eines städtischen Quartiers wird also über den (fälschlich) unterstellten Zusammenhang von Marginalisierung und Kriminalität begründet sowie und an die Ziele von Sauberkeit und Sicherheit in einem Quartier gekoppelt: Die unerwünschten Marginalisierten sind Ursache für später auftretende Kriminelle und ihre Verbrechen. Die Kritik an Broken Windows ist weitreichend: U.a. werden gesellschaftliche Ursachen von Marginalisierung verschleiert, die Betroffenen werden auf den Status ihrer Sichtbarkeit reduziert und als gefährliche Gruppen stigmatisiert sowie mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Auch wenn die Argumentation von Broken Windows empirisch nicht nachprüfbar ist, dient sie als ideologische Figur dazu, eine intensivere staatliche Kontrolle und Regulierung von Minderheiten und Armen über „Raum und Kriminalisierung“ zu ermöglichen. (Belina 2011: 138-142)
Anhand von Broken Windows können m. E. einige wesentliche Merkmale bestimmt werden, die für die Diskussion um Sicherheit und Ordnung auch in österreichischen Städten charakteristisch sind.
Erstens bildet die negative Emotion bzw. das Unsicherheitsgefühl etablierter BewohnerInnen den Ausgangspunkt für die Problematisierung unerwünschter und „fremder“ Personengruppen. Über den Begriff der „Subjektiven Unsicherheit“ kann grundsätzlich jede als unangenehm, wahrgenommene Störung des persönlichen Gefühls anderen Gegenüber als Anlass aufgenommen werden, um einen Zugriff auf die verursachende Person zu legitimieren.
Zweitens werden über das räumlich spezifische Erfassen von Norm- und Normierungsvorstellungen der „normalen“ BewohnerInnen bzw. NutzerInnen im Raum individuelle Vorurteile, Ängste und Unsicherheiten vor den Anderen mittels „Partizipation“ kollektiviert. Interventionen gegenüber problematisierten Gruppen werden damit (pseudo)demokratisch und über eine Moral lokaler Gemeinschaftlichkeit legitimiert, womit eine punitivere Praxis der territorialen Ausgrenzung oder Verhaltensdisziplinierung leichter durchgesetzt werden kann.
Da in unterschiedlichen urbanen Räumen die Vorstellungen, was mehrheitlich als normal und erwünscht bzw. abweichend und unerwünscht gelten soll, variieren, bedeutet dies drittens, dass Möglichkeiten zur räumlich selektiven Regulierung erhöht werden müssen. Dies ist u.a. an Änderungen von Landessicherheitsgesetzen ablesbar, wenn Verwaltungsübertretungen im Bereich der Anstandsverletzung, Lärmerregung, Bettelei, Abwehr von Belästigungen oder Sicherung des Gemeingebrauchs ausgeweitet sowie die polizeilichen Ermessensspielräume erhöht werden.
Viertens wird über eine räumliche Präventionsstrategie argumentiert, dass Zugriffe auf das Individuum bereits a priori – also vor dem Auftreten eines kriminellen Aktes – nötig sind. Wenn ein Raum als sozialer Brennpunkt charakterisiert wird (z. B. die Straße als Ort von Prostitution und Menschenhandel), eine Gruppe im Raum als gefährlich problematisiert wird (z. B. DrogenkonsumentInnen und Drogendealer im Park) oder eine Person als störend stigmatisiert wird (z. B. der/die Obdachlose als unberechenbare Person am Bahnhofsvorplatz), dann werden unter dem Stichwort der Prävention, flexible Zugriffsmöglichkeiten – ohne nachweisbaren Gesetzesverstoß – auf die problematisierten Gruppen eingefordert. Erkennbar ist dies z. B. an der Einrichtung polizeilicher Schutzzonen und der damit verbundenen Wegweisungspraxis.
Fünftens stellt die sichtbare Präsens von OrdnungshüterInnen im Raum ein wesentliches Interventionsmerkmal dar, mit dem die Repräsentation staatlicher oder auch privater Zuständigkeit, Überwachung und Regulierung symbolisch vermittelt werden. Die inszenierte Erkennbarkeit über Uniformen führt auch dazu, dass subjektive Unsicherheitsgefühle der Menschen im Raum unmittelbar, eben auch ohne Kommunikation, rückgespiegelt werden können. Das kann m. E. auch dazu beitragen, dass persönliche Stereotypen bestätigt und verstärkt werden.
Für die Soziale Arbeit in öffentlichen Räumen sind damit zahlreiche Herausforderungen verbunden, auch sind Änderungen in Aufträgen, Funktionen und fachlichen Prinzipien zu verzeichnen:
Zahlreiche Konzepte Sozialer Arbeit im deutschsprachigen Raum richten sich inzwischen an zentralen Begrifflichkeiten des sicherheits- und ordnungspolitischen Diskurs aus: Subjektive Sicherheit hat sich im Fachdiskurs als Schlüsselbegriff etabliert, mit dem Soziale Arbeit ihre Bedürfnisorientierung und ihren Nutzen für alle Menschen in urbanen Räume belegen möchte. Konzepte wie Partizipation, Gemeinschaft oder Gemeinwesenorientierung werden oft fachfremd
verwendet und meist dafür benutzt, um Beziehungsverhältnisse zwischen den vielen AnrainerInnen und den wenigen problematisierten KlientInnen zu moderieren, wobei zugleich die Demokratie- und Gemeinwohlorientierung Sozialer Arbeit betont wird. Bedeutende sozialarbeiterische Leistungen werden z. B. strategisch mit der „Entlastung des öffentlichen Raumes“ argumentiert, womit die „Gefährlichkeit“ der eigenen Zielgruppen bestätigt wird. Unter dem Stichwort der Prävention werden vielerorts auch Leitungen und MitarbeiterInnen sozialer Organisationen beteiligt, soziale Brennpunkte und problematische Gruppen im Raum mit zu definieren, auch weil damit häufig zusätzliche Aufträge und Ressourcen verbunden sind. Die neue Erkennbarkeit von Straßensozialarbeit (z. B. über Jacken, T-Shirts, Taschen etc.) scheint dem Grundgedanken zu entsprechen, über „Uniformen“ staatliche Sorge um „Sicherheit und Ordnung“ im Raum zu symbolisieren. Die Reflexion Sozialer Arbeit, zusammen mit Polizei und privaten Sicherheitsdiensten, selbst in ein komplexes und teilweise widersprüchliches ordnungspolitisches Arrangement eingebunden zu sein, wird dabei vernachlässigt.
Aus fachlicher Perspektive ist festzuhalten, dass eine kritisch-reflexive Parteilichkeit Sozialer Arbeit immer häufiger zur Disposition gestellt und durch eine allparteiliche Herangehensweise ersetzt wird. SozialarbeiterInnen, die mit DrogenkonsumentInnen, SexarbeiterInnen oder Obdachlosen arbeiten, sollen vielmehr nach Möglichkeit alle subjektiven Sichtweisen von NutzerInnen eines Territoriums erfassen, abwägen und letztlich an (häufig ausgrenzenden) Normierungsvorstellungen der „Normalen“ ausrichten. Das Spannungsverhältnis des sogenannten Doppelten Mandats transformiert sich dabei zu vielfältigen, teilweise diffusen Regulierungsansprüchen gegenüber KlientInnen und scheint vielerorts die Entwicklung einer eigenen fachlichen Position zu unterlaufen. Ein normativer Anspruch KlientInnen als Minderheit im öffentlichen Raum zu schützen oder anwaltschaftliche Vertretungsfunktionen einzunehmen gehen dabei meist verloren.
Soziale Arbeit mit stark marginalisierten, stigmatisierten oder auffälligen Gruppen wird häufig, vor allem auf politischer oder medialer Ebene, als wirkungsvolles, niederschwelliges und „sanftes“ Regulierungsinstrument angesehen. Insbesondere die methodischen Kompetenzen im Umgang mit KlientInnen stellen dabei eine wesentliche „Qualifikation“ dar, um Mehrheitsordnungen in urbanen Räumen durchzusetzen. Für ausgrenzende und verhaltensregulierende Maßnahmen im Raum ist das Nutzen eines etablierten Beziehungsverhältnisses zwischen SozialarbeiterIn und KlientIn von strategischer Bedeutung, da eine mittels Kommunikation und Überzeugung erzielte Verhaltensänderung (z. B. ruhiger zu sein, sich woanders hinzustellen oder den Raum zu verlassen) von den Betroffenen nicht unbedingt als repressiv wahrgenommen wird. Vor diesem Hintergrund scheint sich das Spannungsfeld von unterstützenden gegenüber kontrollierenden bzw. normierenden Zielsetzungen Sozialer Arbeit zunehmend in Richtung letztere zu verschieben. Fachliche Grundorientierungen von Streetwork wie ein ganzheitlicher Arbeitsansatz, ein akzeptierender Zugang oder die Organisation fallspezifischer Hilfeleistungen werden dabei zunehmend in Frage gestellt.
Literaturangaben:
- Belina, Bernd (2011): Raum, Überwachung, Kontrolle. Vom staatlichen Zugriff auf städtische Bevölkerung. Münster
- Bratton, William J. (1998): Crime is Down in New York City. Blame the Police. In: Bratton, William J. et al (Hg.): Zero Tolerance. Policing a Free Society. London, S. 29–43.
- Diebäcker, Marc (erscheint 2012): Gemeinwesenarbeit in urbanen Sicherheits- und Kontrollregimen. In: Stövesand, Sabine/Troxler, Ueli/Stoik, Christoph (Hg.): Handbuch Gemeinwesenarbeit. Verlag Barbara Budrich. Leverkusen.
- Diebäcker, Marc (2010): Streetwork im Spannungsfeld lokaler Sicherheits- und Ordnungspolitiken. In: Sozialarbeit in Österreich 3/2010, 38-41.
- Garland, David (2008 [2001]) Kultur der Kontrolle. Verbrechensbekämpfung und soziale Ordnung in der Gegenwart. Frankfurt a. M./New York
- Kelling, George L. /Wilson James Q. (1982): Broken Windows. The police and neighborhood safety. In: The Atlantic, H. 3, S. 1–12. Online unter http://www.theatlantic.com/magazine/archive/1982/03/brokenwindows/4465/ [15.01.2012].
- Wacquant, Loïc (2009): Bestrafen der Armen. Zur neoliberalen Regierung der sozialen Ungleichheit. Opladen/Farmington Hills
Marc Diebäcker lehrt und forscht an der Fachhochschule FH Campus Wien / Studiengang Soziale Arbeit; Mitbegründer des Vereins Kritische Soziale Arbeit (KriSo) www.kriso.at ; Mitglied im wissenschaftichen Beirat der Österreichischen Armutskonferenz; Standortredakteur des Online-Journals „soziales kapital“.

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