Anfang September 2011. Eine kleine Delegation der initiative drogenkonsumraum besucht die Kontakt- und Anlaufstelle (K&A) Selnau. In Zürich gibt es dezentral über die Stadt verteilt vier Kontakt- und Anlaufstellen. Die K&A Selnau ist von Anfang an dabei. Durch die Einrichtung führt uns der Teamleiter Martin Luck.
Der erste “Fixerraum” in der Stadt Zürich wurde 1980 im Autonomen Jugendzentrum (AJZ) eröffnet, wurde jedoch als illegal betrachtet und war von kurzer Dauer. In den 1980er und den frühen 1990er Jahren standen die Pionierinnen und Pioniere dieser Überlebenshilfe noch häufig im Konflikt mit öffentlich-rechtlichen Institutionen und den politischen Behörden. Ein starkes Ansteigen der HIV-Infektionen, erfolglose polizeiliche Vertreibungsaktionen und die Immissionen der Quartiere und Bevölkerung veranlasste die offiziellen Stellen und die öffentliche Meinung zu einem Umdenken. Seit 1992 verfügen die Kontakt- und Anlaufstellen der Stadt Zürich nicht nur über ein Tageszentrum und sozialmedizinische Angebote sondern auch über Konsumräume.
Die K&A Selnau, die wir besuchen, liegt im Zentrum von Zürich in einer stillen Seitengasse beim Bahnhof Zürich Selnau in der Nähe der Sihl. Die Szenerie im Vorhof der K&A gestaltet sich ruhig und fast menschenleer. Ein Mitarbeiter der sip züri (sicherheit, intervention, prävention) der am Eingang sitzt ist über unser Kommen informiert und begleitet uns zum Teamleiter, der uns im Sitzungszimmer bei einem Kaffee über Funktion, Geschichte und Auftrag des sogenannten Gassenzimmers aufklärt.
Martin Luck freut sich über den Beuch aus Wien, denn er hat an der WU Sozialmanagement studiert. Inzwischen arbeitet er schon fast 15 Jahren in den Kontakt und Anlaufstellen von Zürich. 15 Dienstjahre scheinen auch keine Ausnahme zu sein, ca. die Hälfte der dort beschäftigten Menschen bleibt lange. In nächster Zeit wird Martin Luck zwei seiner Mitarbeiter_innen in die Pensionierung verabschieden. Bespielt wird die K&A insgesamt von einem 19köpfigen, multiprofessionellen Team, bestehend aus Pflegekräften, Sozialarbeiter_innen und einem Arzt. Geöffnet ist sie täglich von 8:30 bis 16:00 Uhr, die K&A´s in der Peripherie haben etwas länger geöffnet.
Die Klient_innen der K&A müssen Wohnsitz in der Stadt Zürich haben, das ist eine Forderung seitens der Politik um den Zuzug von Drogen gebrauchenden Menschen einzudämmen. In der Stadt Zürich mit ihren rund 385 000 Einwohnern nutzen ca. 800 Menschen das Angebot der Kontakt und Anlaufstellen. Die Anzahl der Menschen, die ausschließlich intravenösen Heroinkonsum praktizieren, ist mittlerweile “fast an einer Hand abzählbar“, so Martin Luck. Rauchen und Sniffen ist mittlerweile stärker verbreitet als der Gebrauch von Spritzen und neben Mischkonsum hat der Konsum von Kokain stark zugenommen. Das schlägt sich auch auf die Stimmung in der K&A nieder. Die Konflikte häufen sich, der Umgangston wurde aggressiver. Zürich, das ist auch eine Stadt in der es leichter ist Kokain als Cannabis zu beschaffen. Einen Hang seiner Klient_innen zum Risikokonsum in der K&A hat Martin Luck bisher nicht beobachten können. Bis jetzt hat es noch keine tödliche Überdosis in den K&As gegeben und die letzte Reanimation liegt schon eine Weile zurück.
Doch noch ein Trend zeichnet sich ab: Die Szene hat inzwischen “Nachwuchsprobleme”. Jüngere Konsument_innen harter Drogen kommen kaum nach. Martin Luck äußert die Vermutung, dass eine gefühlte “Überbetreuung” den Einstieg in diese Szene unattraktiv macht. Tatsächlich hat die Stadt Zürich ein niederschwelliges Rundumangebot, das von Spritzentauch und Substitution mit Methadon, Subutex und Heroin über Konsumräume, Tageszentren und Arbeitsangeboten, bis hin zu Notschlafstellen und begleitetem Wohnen den gesamten Tag der Betroffenen abdeckt. Die Arbeit geht dem Team der K&A trotzdem nicht aus und das ist nicht zuletzt ihrer erfolgreichen Überlebenshilfe zu verdanken. Die Infektionsrate ist gesunken, die Lebenserwartung der Klient_innen ist gestiegen.
Eine weitere Entwicklung ist die Förderung von Mitarbeit und Mitsprache der Klient_innen in den K&A´s. Ein Drittel der Klient_innen gehen einer Erwerbstätigkeit im ersten Arbeitsmarkt nach und zwei Drittel beziehen Sozialhilfe oder eine IV-Rente. Illegale Einkünfte wie Betteln und Prostitution sind eine Realität. Die illegalen Einkünfte sind in Zürich in den letzten 10 Jahren von 30 auf 10% zurückgegangen. Wohl auch aus der Tatsache heraus, dass eine Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt für viele User_innen immer noch keine erreichbare Option ist, haben sich in einer Umfrage 76% der Betroffenen für einen Ausbau der Arbeitsangebote in den Kontaktstellen ausgesprochen. Weitere 54% der Benützer_innen der K&A`s haben sich für mehr Mitsprache ausgesprochen.
Diese Zahlen schmücken nicht nur eine Studie des Sozialdepartements Zürich von 2008, K&A´s gehen auch auf diese erhobenen Bedürfnisse ein. Jeden Monat findet ein Treffen zwischen den Beschäftigten und den Benützer_innen der K&A`S statt, bei denen Probleme und offene Punkte angesprochen werden. Auch die bezahlten Beschäftigungsmöglichkeiten in und um die K&A sind vorhanden. Die Benützer_innen arrangieren die Essens- & Getränkeausgabe, sammeln gebrauchte Spritzbestecke im öffentlichen Raum und bringen harmreduction-Materialien dorthin, wo die Beschäftigten kaum Zugang haben.
Harmreduction, also Schadensminderung und Überlebenshilfe, ist jedoch nur eine von vier Säulen der Schweizer Drogenpolitik. Die anderen sind Prävention, Therapie und eben auch Repression. 51% der Konsumraumbenützer_innen geben an, die K&A´s hauptsächlich aufzususchen, um ihren Konsum geschützt vor polizeilicher Repression ausführen zu können. Offene Drogenszenen sind in Zürich seit Platzspitz und Letten nicht mehr vorhanden. Bei unserem Lokalaugenschein am zentral gelegenen Platzspitz erinnert, abgesehen von einem Spritzenautomaten in der Nähe eines Eingangs, nichts mehr an den früher auch Needle Park genannten Drogenumschlagplatz. Nichts was wir sehen erinnert an die unhygienischen Konsumbedingungen nichts erinnert an die erfolglosen Räumungsversuche der Polizei. Dass es zu einer Beruhigung des öffentlichen Raumes gekommen ist, ist der Vier-Säulen-Politik zu verdanken. Nicht ohne Stolz berichtet Martin Luck, dass die Kontakt- und Anlaufstellen die Erwartungshaltungen der Bevölkerung nachweislich nicht nur erfolgreicher sondern auch nachhaltiger und letztlich kostengünstiger erfüllen als eine reine Repressionsstrategie.
Auch die Zeiten in denen sich die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Mitarbeitenden der K&A schwierig gestaltete, ist Vergangenheit. Nun wird auf Kooperation gesetzt. “Immerhin haben wir den selben Arbeitgeber und dieselben Ziele“, so der Teamleiter. Wenn mensch in Zürich die Polizeiausbildung absolviert, gehört ein Besuch in den K&As zum Programm. Auch Workshops würden die Polizeibeamt_innen gemeinsam mit dem Personal der K&A machen. Das helfe dabei Vorurteile und Berührungsängste abzubauen. Luck beschreibt “ein stetiger Austausch“, der die gegenseitige Akzeptanz fördere und von dem beide Seiten profitieren.
Zwei Mal im Jahr werden auch die Anrainer_innen zu einem Gespräch mit den Betreiber_innen der K&A eingeladen. Dort haben die Menschen aus der Nachbarschaft Gelegenheit sich zu informieren, Beschwerden und Anregungen zu deponieren. Laut Martin Luck wird dieses Angebot angenommen, der Austausch mit dem Umfeld funktioniert. Doch auch die Akzeptanz in der breiten Öffentlichkeit und die Stadtverträglichkeit ist gegeben. In direktdemokratischen Abstimmungen haben sich die Schweizer_innen schon mehrfach für das Modell der Konsumräume ausgesprochen. Viele Leute, so Martin Luck, wollen die Drogenszene einfach aus dem Stadtbild draußen haben und das scheint auch gelungen zu sein. Luck berichtet, dass er immer wieder auf Menschen trifft, die glauben, dass es gar keine Szene mehr gibt. Dass auch das nicht unproblematisch ist, ist ihm bewusst.
Quellen & weitere Informationen:
- „Ein Ort, wo man sein kann“, Die Zukunft der „harm reduction“ am Beispiel der Kontakt- und Anlaufstellen der Stadt Zürich, Edition Sozialpraxis Nr. 3, Sozialdepartement Zürich 2008
- Drogenpolitik der Stadt Zürich, Strategien – Massnahmen – Perspektiven, Stadt Zürich 2004
- Drogenpolitik Stadt Zürich, Drogendelegation der Stadt Zürich 2001
- (weitere) Fotos auf Flickr
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